
Die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf entwickelt sich rasant zu einem unterschätzten Risikofaktor für Unternehmen. Immer mehr Mitarbeitende übernehmen im Laufe ihres Berufslebens Verantwortung für pflegebedürftige Angehörige – und stehen damit vor einer enormen Doppelbelastung. Gleichzeitig stehen Unternehmen unter hohem Druck, Fachkräfte zu halten, Produktivität zu sichern und Ausfallzeiten zu minimieren. Pflege ist damit längst kein individuelles Randthema mehr, sondern ein Faktor mit direkten Auswirkungen auf Arbeitsorganisation, Leistungsfähigkeit und Mitarbeiterbindung.
Wie zentral dabei die richtigen Rahmenbedingungen sind, bringt ein Zitat von Ursula von der Leyen, der früheren Bundesfamilienministerin, treffend auf den Punkt:
„Es gibt keine Rabeneltern, sondern oft Rahmenbedingungen, die es Menschen unnötig schwer machen, Familie, Pflege und Beruf zu vereinbaren.”
Übertragen auf die Arbeitswelt bedeutet das: Nicht mangelnde Loyalität oder Leistungsbereitschaft der Beschäftigten sind das Problem, sondern fehlende betriebliche Strukturen und Unterstützungsangebote. In der Praxis zeigt sich, dass Arbeitnehmer ihre Arbeitgeber häufig nicht als Quelle der Unterstützung wahrnehmen. Entsprechend wird eine Pflegesituation möglichst lange nicht angesprochen, da negative oder ablehnende Reaktionen befürchtet werden.
Wenn Pflege im Unternehmen unsichtbar bleibt – die wirtschaftlichen Folgen
Für Unternehmen bedeutet das: Die Herausforderung wird meist erst sichtbar, wenn sie bereits eskaliert ist – etwa durch spontane Abwesenheiten, akute Notfälle oder den Wunsch nach Arbeitszeitreduktion.
Der Arbeitgeber wird meist erst dann informiert, wenn es unumgänglich ist. Für Unternehmen ist diese späte Kommunikation mit erheblichen Folgekosten verbunden.
Laut der Studie „Betriebliche Folgekosten mangelnder Vereinbarkeit von Beruf und Pflege” der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU, 2022) belaufen sich die durchschnittlichen betrieblichen Folgekosten auf rund 14.154 Euro pro betroffener Person und Jahr.
Diese Kosten verteilen sich auf sechs zentrale Faktoren:
- Präsentismus: Mitarbeitende sind trotz Belastung anwesend, arbeiten aber mit geringerer Leistungsfähigkeit. Dies ist der höchste Kostenfaktor mit rund 47,3 Prozent der Gesamtkosten.
- Absentismus: Pflegende Mitarbeitende fallen häufiger aus, zum Beispiel wegen akuter Pflegeorganisation, psychischer Belastung oder Erschöpfung.
- Berufsausstieg: Mitarbeitende reduzieren ihre Arbeitszeit stark, wechseln den Arbeitgeber oder scheiden ganz aus dem Arbeitsleben aus, weil Pflege und Beruf nicht vereinbar erscheinen.
- Teilzeitreduktion: Viele pflegende Angehörige reduzieren auf Teilzeit, was zu Produktivitätsverlusten und organisatorischen Mehraufwänden führt.
- Führungsaufwand: Führungskräfte müssen Fehlzeiten kompensieren, Teams organisieren und Aufgaben neu verteilen – das bindet erhebliche Ressourcen.
- Indirekte Belastungen: Dazu zählen etwa Wissens- und Kompetenzverlust bei einem Ausscheiden erfahrener Mitarbeitender, höhere Rekrutierungskosten bei Fluktuation sowie Produktivitätsverluste durch Unterbrechungen und kurzfristige Umplanungen.
Arbeiten – funktionieren – sorgen
Die folgende Übersicht zeigt, an welchen Stellen pflegende Angehörige im Unternehmensalltag Unterstützung benötigen und welche Entlastungsleistungen wirkungsvoll greifen:

Organisation ambulanter Pflegedienst
Zur Unterstützung bei der Betreuung von pflegenden Angehörigen
Hausnotruf
- Suche nach einem geeigneten Leistungserbringer
- Beantragung der Kostenbeteiligung/-übernahme beim zuständigen Kostenträger

Kurzfristige Vermittlung eines stationären Pflegeplatzes
Plötzlicher Ausfall der Person, die sich in der Regel um den zu Pflegenden kümmert
Entlastungsleistungen für pflegende Angehörige
- Pflegeschulungen
- Angebote von Selbsthilfegruppen, psychologischen Einrichtungen
Unterstützung bei der Betreuung von pflegebedürftigen Angehörigen:
- Suche nach einem geeigneten Leistungserbringer,
- Beantragung der Kostenbeteiligung bzw. -übernahme bei dem zuständigen Kostenträger,
- plötzlicher Ausfall der Person, die sich in der Regel um den zu Pflegenden kümmert.
Entlastungsleistungen für pflegende Angehörige:
- Pflegeschulungen,
- Angebote von Selbsthilfegruppen und psychologischen Einrichtungen.
Der WTW-Ansatz: Pflege strategisch in das Benefits- und Gesundheitskonzept integrieren
Unternehmen, die frühzeitig handeln, setzen auf eine Kombination aus pflegesensibler Personalpolitik, betrieblicher Pflegeversicherung und einer Integration in das bestehende Gesundheitsmanagement.
Diese Kombination ermöglicht:
- eine frühzeitige Unterstützung von Mitarbeitenden,
- die Stabilisierung von Pflegesituationen,
- eine deutliche Reduzierung ungeplanter Ausfälle.
Finanzielle Leistungen und Services sorgen dafür, dass kritische Situationen schneller abgefedert werden. Pflege wird damit vom Risiko zum steuerbaren Faktor im Rahmen einer zeitgemäßen Personalpolitik.
Autoren
Was HR-Entscheider über betriebliche Pflege wissen müssen
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