
Das folgende Interview entstand im Rahmen der WTW HR-Branchenkonferenz 2026, die führende Personalverantwortliche, Branchenexperten und Entscheidungsträger zusammenbrachte, um aktuelle Entwicklungen, Herausforderungen und Zukunftstrends im Personalmanagement zu diskutieren.
Ulrike Germann: Frau Albers, die Finanzwelt steht unter Druck. Vor allem Neo-Banken und Neo-Broker greifen die etablierten Geschäftsmodelle der Banken an. Braucht es bei Union Investment jetzt eine Revolution oder reicht eine Evolution, um erfolgreich zu bleiben?
Sonja Albers: Wir setzen auf eine Evolution mit hohem Tempo. Als Asset Manager sind wir in der Genossenschaftlichen Finanzgruppe fest verankert, revolutionäre Umbrüche wären hier kontraproduktiv. Wir müssen uns jedoch auch verändern, um unsere Marktposition weiter zu stärken. Dabei bauen wir etwa auf unsere etablierte Marke und die Vertriebspower durch die Volks- und Raiffeisenbanken.
Nicole Fischer: Kürzlich gab es bei Union Investment einen Wechsel an der Spitze: Der langjährige CEO Hans Joachim Reinke ging in den Ruhestand, André Haagmann hat übernommen. Welche Impulse setzt das neue Management in dieser Phase des Umbruchs?
Sonja Albers: Unser früherer CEO hat das Unternehmen kulturell stark geprägt. Unser neuer CEO setzt hier seine eigenen Akzente. Die größte Veränderung wird jedoch durch unser Marktumfeld getrieben – etwa durch die neuen Marktteilnehmer oder den Trend zu ETFs. Unser Ziel ist es, profitabel zu wachsen. Deshalb achten wir noch stärker auf das Thema Kosten und Effizienz. Gleichzeitig sehen wir große Chancen am Markt – etwa durch die Einführung des Altersvorsorgedepots im kommenden Jahr.
Ulrike Germann: Kostenreduzierungen und Effizienzprogramme sind in Organisationen oft unpopulär. Wie nehmen Sie die Führungskräfte und Mitarbeitenden bei diesem schwierigen Teil der Transformation mit?
Sonja Albers: Das A und O ist ein klares und ehrliches Narrativ. Es geht nicht um Sparen, sondern um strategische Fokussierung. Wir müssen den Mut haben, jetzt weniger relevante Vorhaben zu depriorisieren oder ganz zu streichen, um Ressourcen für neue Chancen zu bündeln. Der Vorstand kommuniziert dies auch sehr transparent. André Haagmann sucht zum Beispiel in Formaten wie der „CEO-Arena“ den direkten Dialog mit der Belegschaft. Denn nur, wer versteht, warum Entscheidungen getroffen werden, wird sie auch akzeptieren können.
Nicole Fischer: Eine Herausforderung für die genossenschaftliche Welt ist die Demografie: Der Kundenstamm altert. Wie wollen Sie jüngere Zielgruppen für Union Investment gewinnen?
Sonja Albers: Diese Frage ist für unser Privatkundengeschäft sehr wichtig. Junge Menschen sind dabei anders als früher und offener für neue Anbieter. Wir setzen hier gezielt an, indem wir attraktive, digitale Lösungen entwickeln. Uns im Vorstand ist bewusst, dass wir Unterstützung brauchen, um die Lebenswelt einer jungen Zielgruppe zu verstehen. Wir arbeiten deshalb auch mit externen Experten und Sparringspartnern zusammen. Die Marktbearbeitung mit Blick auf eine junge Generation erfordert neue Methoden, für die wir uns konsequent öffnen.
Ulrike Germann: Der Schlüssel zu mehr Effizienz ist Digitalisierung. Damit ist am Ende auch ein Stellenabbau verbunden, richtig?
Sonja Albers: Sicher wird der Einsatz von KI dazu führen, dass weniger Ressourcen erforderlich sind. So ehrlich muss man sein. Sorgen vor einer Entlassungswelle sind aber unbegründet. Wir stehen vor massiven demografischen Änderungen und einem zunehmend spürbaren Fachkräftemangel. Wir benötigen Digitalisierung und Automatisierung daher auch, um zukünftige fehlende Ressourcen abzudecken.
Nicole Fischer: Um neue Technologien rund um Digitalisierung und Künstliche Intelligenz überhaupt wertschöpfend nutzen zu können, müssen die Beschäftigten die passenden Fähigkeiten besitzen. Welches Rezept haben Sie hier im Personalbereich?
Sonja Albers: HR hat die strategische Aufgabe, Union Investment von einer wissenden in eine lernende Organisation zu transformieren. Fachwissen verliert an Halbwertszeit, weil es zunehmend über digitale Systeme und KI-Tools abrufbar ist. Entscheidend ist deshalb die Fähigkeit und Bereitschaft, lebenslang zu lernen. Wir haben dafür ein Lern-Ökosystem geschaffen. Mit niedrigschwelligen Angeboten wie kompakten „Learn Nuggets“ oder einem spielerischen „Digital Lab“ wecken wir die Neugier der Belegschaft auf neue Tools und Technologien. Gleichzeitig fordern wir aber auch Eigenverantwortung ein.
Ulrike Germann: Viele Organisationen investieren hohe Summen in KI-Tools. Wie stellen Sie als Arbeitgeber sicher, dass diese Tools nicht nur nice to have sind, sondern auch wirklich produktiv genutzt werden?
Sonja Albers: Digitalisierung darf kein Selbstzweck sein, sie muss messbare Effizienz bringen. Und niemand nutzt etwa KI-Tools ad hoc perfekt. Deswegen rollen wir neue Tools nicht gleich in der Breite aus, sondern stellen sie erst einmal der Belegschaft ausgewählter Einheiten zur Verfügung, wo wir den höchsten Nutzen erwarten. Dort begleiten wir den Einsatz intensiv. Wir fordern dabei klar ein, dass die Technologie richtig angewendet wird und zu einer Entlastung im Alltag führt. Das gilt übrigens für alle Ebenen, auch für den Vorstand.
Digitalisierung darf kein Selbstzweck sein, sie muss messbare Effizienz bringen."Sonja AlbersMitglied des Vorstands von Union Investment
Nicole Fischer: Um den kulturellen Wandel voranzutreiben und neue Fähigkeiten aufzubauen, brauchen Sie auch Talente mit einer gewissen Startup-Mentalität. Wie attraktiv ist ein traditionelles Bankenhaus für die neuen Generationen?
Sonja Albers: Es gibt ja viele Mythen über die Jungen – etwa, dass sie etwas bequem sind oder sich vor Führungsaufgaben scheuen. Ich erlebe junge Kolleginnen und Kollegen jedoch als innovativ und engagiert. Sie formulieren aber auch klare Erwartungen: Ihre Arbeit soll sinnvoll sein, sie fordern Flexibilität sowie Work-Life-Balance. Trotzdem erlebe ich sie als sehr leistungsorientiert, wenn dies erfüllt ist. Und das bieten wir ihnen genauso wie ein Umfeld, in dem sie früh Verantwortung übernehmen können und auch Fehler machen dürfen. Wenn wir Führung weniger hierarchisch definieren, sondern als Verantwortung für das Team und dessen Ergebnisse, bleibt die Finanzbranche auch für junge Talente attraktiv.
Ulrike Germann: Union Investment geht also mit einer klaren Strategie und Überzeugung vor. Wir wünschen viel Erfolg und danken Ihnen für die Einblicke, liebe Frau Albers.



