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KI im Aktuariat: Zwischen großen Erwartungen und langsamer Umsetzung

KI kann aus Unternehmenssicht den Jahresabschlussprozess beschleunigen und seine Qualität steigern. Die praktische Umsetzung steht jedoch noch am Anfang.

Autor

Rico Huster,
Hubert Brandl und
Markus Schicht
28. Oktober 2026

Auf einen Blick

  • Nur 11 Prozent der Unternehmen setzen KI bereits produktiv in Teilprozessen der Pensionsbewertung ein.
  • Das größte Potenzial von KI liegt in der Datenvalidierung, Fehlererkennung und Qualitätssicherung.
  • Zwei Drittel der Unternehmen erwarten künftig kürzere Abschlussprozesse und mehr Automatisierung.
  • Aktuare entwickeln sich vom Zahlenlieferanten zum strategischen Berater für Analysen und Szenarien.

Künstliche Intelligenz erreicht inzwischen auch die Bewertung von Pensionsverpflichtungen. Die aktuelle WTW-Studie „Die Zukunft des KI-gestützten Aktuariats 2026“ zeigt jedoch: Während Unternehmen zahlreiche Einsatzmöglichkeiten sehen, ist KI im Jahresendprozess bislang nur selten fest etabliert. Besonders großes Potenzial besteht bei der Datenqualität, der Prozessgeschwindigkeit und bei vorausschauenden Analysen. Gleichzeitig verändert sich die Rolle des Aktuars zum strategischen Partner.

Der Jahresabschlussprozess für Pensionsverpflichtungen bewegt sich seit jeher im Spannungsfeld zwischen engen Zeitfenstern und hohen Anforderungen an die Genauigkeit. Fehlerhafte oder verspätete Ergebnisse können angesichts der Bedeutung von Pensionsverpflichtungen für die Bilanz erhebliche Auswirkungen haben. Vor diesem Hintergrund stellt sich zunehmend die Frage, welche Teile des Prozesses durch künstliche Intelligenz unterstützt werden können, von der Übermittlung und Prüfung der Personaldaten bis zur fertigen Bewertung und ihrer Interpretation.

Die WTW-Studie untersucht deshalb den Digitalisierungs-, Automatisierungs- und KI-Reifegrad der Jahresendprozesse deutscher Unternehmen. Mehr als 200 Personen aus den Bereichen HR und Finance nahmen teil, wobei beide Funktionen annähernd gleich stark vertreten waren. Das Teilnehmerfeld reicht von Unternehmen mit weniger als 100 Pensionsberechtigten bis zu Organisationen mit mindestens 50.000 Anwärtern und Rentnern. 47 Prozent der teilnehmenden Unternehmen werden hauptsächlich nach IFRS, 39 Prozent nach HGB und 10 Prozent nach US GAAP gesteuert.

Der Anspruch ist hoch, der KI-Reifegrad noch niedrig

Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Lücke zwischen Ambition und betrieblicher Realität. 42 Prozent der Befragten setzen im gegenwärtigen Jahresendprozess noch keine KI ein. Weitere 29 Prozent prüfen oder planen einen Einsatz, 16 Prozent testen KI in Pilotprojekten. Lediglich 11 Prozent nutzen KI bereits produktiv in einzelnen Teilprozessen. Bei keinem der befragten Unternehmen ist KI bereits ein fester Bestandteil des gesamten Jahresendprozesses.

Die Erwartungen sind dennoch beträchtlich. Mehr als zwei Drittel der Befragten wünschen sich für die nahe Zukunft KI-Unterstützung bei der Qualitätssicherung und Datenvalidierung sowie bei Forecasts und Szenarioanalysen. Dabei geht es nicht nur um eine schnellere Verarbeitung. KI soll auch Zusammenhänge sichtbar machen, die Qualität verbessern und eine bessere Unternehmenssteuerung ermöglichen.

Gerade der Unterschied zwischen dem niedrigen aktuellen Reifegrad und den hohen Erwartungen ist charakteristisch für die gegenwärtige Entwicklung. Viele Unternehmen verfügen bereits über konkrete Ideen und erste Anwendungsfälle. Noch fehlen jedoch vielfach durchgängige Prozesse, belastbare Schnittstellen und die notwendige Integration in die bestehende Systemlandschaft.

Die Datenfrage bleibt der zentrale Engpass

Das größte kurzfristige Potenzial liegt in den Daten- und Reportingprozessen. Bei 38 Prozent der teilnehmenden Unternehmen erfordert die Datenmeldung an den Gutachter noch relativ viel manuelle Nachbearbeitung. Weitere 39 Prozent beurteilen den Prozess zwar als recht gut digitalisiert, sehen aber noch Verbesserungsspielraum. Nur 12 Prozent verfügen über eine weitgehend vollständig digitalisierte Datenmeldung. Bei 7 Prozent wird der Prozess über einen Drittanbieter umgesetzt.

Auf der Ergebnisseite ist die Automatisierung noch geringer ausgeprägt: Lediglich 3 Prozent der Unternehmen importieren die Ergebnisse automatisiert in ihre Folgesysteme. Gegenüber der Vorgängerstudie aus dem Jahr 2023 sind damit keine wesentlichen Fortschritte erkennbar. Die Digitalisierung endet häufig genau dort, wo Daten zwischen HR-Systemen, Gutachter, Finance und Buchungssystem ausgetauscht werden müssen.

Dass die Datenbereitstellung der zentrale Engpass ist, bestätigt auch die Analyse der Aufwandstreiber. Die Aufbereitung und gegebenenfalls notwendige Korrektur der Personaldaten wurde 126-mal und damit deutlich häufiger genannt als die Abstimmung mit anderen Abteilungen oder externen Providern, Wirtschaftsprüferrückfragen, der eigentliche Prozess mit dem Aktuar sowie der Reporting- und Buchungsprozess. 65 Prozent sehen spiegelbildlich eine verbesserte Datenqualität als den größten Nutzen einer engeren Zusammenarbeit.

Hier können KI-gestützte Verfahren einen besonders konkreten Mehrwert bieten. Denkbar sind beispielsweise die automatisierte Identifikation unvollständiger Datensätze, Plausibilitätsprüfungen, die Einordnung wiederkehrender Fehlerbilder und eine strukturierte Unterstützung bei Rückfragen. Entscheidend ist allerdings, dass solche Verfahren in kontrollierte Abläufe eingebettet werden. Gute Ergebnisse setzen eine verlässliche Datengrundlage sowie klar definierte fachliche Prüf- und Freigabeschritte voraus.

Der Zeitdruck nimmt weiter zu

Parallel zu den Qualitätsanforderungen steigt der Zeitdruck. Rund zwei Drittel der teilnehmenden Unternehmen erwarten, dass sich der Jahresabschlussprozess für Pensionen und pensionsähnliche Verpflichtungen weiter verkürzen wird oder verkürzen muss. 45 Prozent rechnen mit einer Verkürzung um 10 bis 20 Prozent, 13 Prozent mit 20 bis 30 Prozent und 6 Prozent sogar mit mehr als 30 Prozent. Nur 34 Prozent erwarten keine weitere Verkürzung.

Der Zeitdruck wird besonders dort zur Managementaufgabe, wo hohe Komplexität, verschiedene interne und externe Beteiligte sowie wesentliche Bilanzauswirkungen zusammentreffen. Damit steigt der Bedarf an stabilen Workflows, transparenten Verantwortlichkeiten und einer schnelleren Verarbeitung von Veränderungen. Von KI wird erwartet, dass sie die Beteiligten bei diesen Aufgaben unterstützt und manuelle Tätigkeiten reduziert.

Ein Vergleich nach Unternehmensgröße zeigt dabei ein differenziertes Bild. Mittelgroße Unternehmen benötigen für die Datenaufbereitung üblicherweise zwei bis sieben Tage. Bei Unternehmen mit mehr als 15.000 Beschäftigten dauert sie mehrheitlich länger als acht Tage. Gleichzeitig führen Unternehmen mit großen Beständen deutlich häufiger regelmäßige Prozessreviews durch: Bei großen Beständen geschieht dies in 86 Prozent der Fälle, bei kleinen Beständen nur in 30 Prozent. Größe erhöht somit die Komplexität, begünstigt aber zugleich die Professionalisierung der Abläufe.

Vom Zahlenlieferanten zum strategischen Partner

Die zunehmende Automatisierung bedeutet nicht, dass der Aktuar an Bedeutung verliert. Vielmehr verschiebt sich sein Aufgabenprofil. 48 Prozent der Befragten erwarten in den kommenden fünf Jahren eine wachsende Bedeutung des Aktuars bei Prognose-, Szenario-, Cashflow- oder Sensitivitätsanalysen. 40 Prozent sehen eine größere Rolle bei Digitalisierung, Prozessautomatisierung und dem Einsatz von KI. 31 Prozent erwarten einen Bedeutungszuwachs bei strategischer Beratung und Entscheidungsunterstützung.

Dieses Zukunftsbild wird durch das starke Interesse an Szenariorechnungen als KI-Anwendungsfall gestützt. Der Aktuar liefert künftig nicht nur Bewertungsergebnisse, sondern hilft dabei, deren Ursachen und Konsequenzen einzuordnen. Zusätzliche Simulationen können Auswirkungen auf Pensionsrückstellungen sichtbar machen und damit strategische Entscheidungen unterstützen. Die fachgerechte Interpretation der Ergebnisse gewinnt deshalb weiter an Bedeutung.

Qualität vor Geschwindigkeit

Für das künftige Zusammenspiel zwischen Unternehmen und Aktuaren lassen sich vier Handlungsfelder ableiten:

  • Erstens soll KI die Qualitätssicherung durch automatisierte Prüfungen, strukturiertes Wissensmanagement und eine höhere Datenqualität stärken.
  • Zweitens werden Zeitgewinne durch schnellere Datenbearbeitung, weniger manuelle Tätigkeiten, die Anbindung an Buchungssysteme und Self-Service-Angebote erwartet.
  • Drittens soll KI die Umsetzung von Veränderungen beschleunigen, etwa bei neuen Versorgungsplänen, Prozessanpassungen oder M&A-Transaktionen.
  • Viertens kann KI die Beratung unterstützen, indem kundenspezifisches Wissen schneller verfügbar wird und Anfragen zügiger bearbeitet werden können.

Dabei bleibt die menschliche Kontrolle unverzichtbar. Die Fähigkeiten und technischen Grundlagen von KI entwickeln sich dynamisch. Unternehmen, die frühzeitig Anwendungen einführen, müssen daher sicherstellen, dass Ergebnisse kritisch geprüft, nachvollziehbar und reproduzierbar bleiben. Die Verantwortung für die Bewertung und die Interpretation der Ergebnisse kann nicht an ein technisches System delegiert werden.

Ein langes Rennen hat begonnen

Der Startschuss für KI im aktuariellen Jahresendprozess ist gefallen, doch die Umsetzung steht noch am Anfang. Einige Unternehmen erzielen bereits Erfolge in einzelnen Teilprozessen. Andere setzen weiterhin auf etablierte Abläufe und können von den Erfahrungen der Frühanwender profitieren. Gerade in größeren Organisationen brauchen Veränderungen an Prozessen, Systemen und Verantwortlichkeiten Zeit.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob KI den aktuariellen Prozess verändern wird, sondern wie Unternehmen diese Veränderung kontrolliert gestalten. Der nachhaltige Nutzen entsteht dort, wo Technologie auf qualitativ hochwertige Daten, klare Governance und aktuarielles Fachwissen trifft. KI kann helfen, Prozesse zu beschleunigen und die Qualität zu steigern. Die Verantwortung und die Interpretation der Ergebnisse bleiben jedoch beim Menschen.

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Autoren

Rico Huster, Leiter Aktuariat Deutschland

Rico Huster

Leiter Aktuariat Deutschland

Foto von Hubert Brandl

Hubert Brandl

Director Retirement, Head of Consulting Actuaries 

Foto von Markus Schicht

Markus Schicht

Director Retirement, Actuarial Consulting

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