
Die Europäische Bankenaufsichtsbehörde (EBA) veröffentlicht im Rahmen der Richtlinie 2013/36/EU (Capital Requirements Directive – CRD) sowie der Richtlinie (EU) 2019/2034 (Investment Firms Directive – IFD) regelmäßig aggregierte Daten zu sogenannten „High Earners“. Darunter fallen Mitarbeitende in Kreditinstituten und Wertpapierfirmen, die eine jährliche Gesamtvergütung von mindestens 1 Million Euro beziehen. Die zugrunde liegenden Daten werden von den zuständigen nationalen Aufsichtsbehörden erhoben und an die EBA übermittelt.
Die aktuellen Ergebnisse für das Geschäftsjahr 2024 zeigen eine deutliche Dynamik im europäischen Finanzsektor – sowohl hinsichtlich der Anzahl der Spitzenverdiener als auch bei deren Vergütungsstrukturen.
Deutlicher Anstieg der High Earners
Im Jahr 2024 ist die Gesamtzahl der High Earners in der EU/EEA deutlich gestiegen. Insgesamt wurden 2.554 Personen mit einer Vergütung von mindestens 1 Million Euro erfasst, was einem Zuwachs von 9,0 % gegenüber dem Vorjahr entspricht (2023: 2.343).
Ein differenzierter Blick zeigt:
- In Kreditinstituten stieg die Zahl der Spitzenverdiener um 6,8 % auf 2.266 (2023: 2.122).
- In Investmentfirmen fiel der Anstieg mit 30,3 % auf 288 Personen besonders stark aus (2023: 221).
Diese Entwicklung ist laut EBA vor allem auf mehrere wirtschaftliche und strukturelle Faktoren zurückzuführen. Dazu zählen insbesondere eine starke Profitabilität infolge höherer Zinserträge, ein lebhafter Handel sowie eine Erholung im Beratungs- und Kapitalmarktgeschäft. Hinzu kommen günstige makroökonomische Rahmenbedingungen, wie das weiterhin erhöhte Zinsniveau und eine wieder zunehmende M&A-Aktivität. Darüber hinaus spielen wettbewerbsbedingte Anpassungen bei der Vergütung eine wichtige Rolle, da Institute gezielt Anreize schaffen, um qualifizierte Fachkräfte zu gewinnen und langfristig zu binden.
Geschlechterungleichgewicht bleibt deutlich sichtbar
Trotz der positiven Entwicklung bei der Gesamtzahl der High Earners bestehen weiterhin erhebliche strukturelle Ungleichgewichte – insbesondere im Hinblick auf die Geschlechterverteilung.
Die Daten zeigen, dass High Earners nach wie vor überwiegend männlich sind:
- In Kreditinstituten liegt der Anteil bei 89,1 % (2023: 89,8 %, 2022: 90,9 %).
- In Investmentfirmen beträgt er sogar 96,9 % (2023: 95,0 %, 2022: 96,6 %).
Diese Zahlen verdeutlichen, dass die Repräsentation von Frauen in besonders gut vergüteten Positionen weiterhin gering ist. Die EBA betont in diesem Zusammenhang, dass das Erreichen einer besseren Geschlechterbalance – insbesondere in Führungs- und Top-Verdienerpositionen – eine zentrale Priorität für den europäischen Finanzsektor bleibt.
Veränderung der Vergütungsstrukturen
Neben der Anzahl der High Earners ist auch die Zusammensetzung der Vergütung von Bedeutung. Hier zeigt sich ein klarer Trend zu höheren variablen Anteilen.
In Kreditinstituten stieg das gewichtete durchschnittliche Verhältnis von variabler zu fixer Vergütung auf 98,5 % (2023: 87,8 %, 2022: 85,4 %). Damit nähert sich die variable Vergütung im Durchschnitt nahezu dem Niveau der Fixvergütung an.
Noch stärker ausgeprägt ist diese Entwicklung in Investmentfirmen: Hier erhöhte sich das Verhältnis auf 358,7 % (2023: 304,8 %, 2022: 459,1 %). Ein wichtiger regulatorischer Unterschied erklärt diese hohe Quote: Für Investmentfirmen gilt seit 2021 praktisch keine Obergrenze für das Verhältnis zwischen variabler und fixer Vergütung, während in Kreditinstituten grundsätzlich eine Begrenzung von 100 % (bzw. 200 % mit Zustimmung der Anteilseigner) besteht*. Die meisten Investmentfirmen (insbesondere nicht systemische Institute im Sinne der IFR/IFD) müssen lediglich ein angemessenes Verhältnis festlegen, so dass keine übermäßige Abhängigkeit von der variablen Vergütung besteht.
* Für kleine und mittelgroße Wertpapierinstitute besteht diesbezüglich Flexibilität, da die WpInstVergV für letztere keine entsprechende Begrenzung vorsieht. Große Wertpapierinstitute unterliegen hingegen denselben Regelungen wie Banken, sind in Deutschland jedoch nicht vertreten.
Niedrige Aufschubquoten bei variabler Vergütung
Ein weiterer relevanter Aspekt betrifft die Ausgestaltung der variablen Vergütung im Hinblick auf deren zeitliche Struktur.
Die Analyse zeigt, dass der Anteil der aufgeschobenen variablen Vergütung (Deferrals) in Investmentfirmen weiterhin vergleichsweise niedrig ist und im Durchschnitt bei etwa einem Drittel liegt. Dabei bestehen zwischen den einzelnen Mitgliedstaaten deutliche Unterschiede, wobei einige Länder besonders niedrige Aufschubquoten aufweisen.
Die aktuellen EBA-Daten für das Jahr 2024 zeichnen ein klares Bild: Der europäische Finanzsektor befindet sich weiterhin in einer Phase wirtschaftlicher Stärke, die sich auch in steigenden Vergütungen und einer wachsenden Zahl von Spitzenverdienern widerspiegelt.
Gleichzeitig werden zentrale strukturelle Herausforderungen deutlich. Dazu zählen insbesondere das anhaltende Geschlechterungleichgewicht auf den höchsten Vergütungsebenen sowie Fragen zur nachhaltigen Ausgestaltung von Vergütungssystemen – etwa im Hinblick auf variable Anteile und deren langfristige Ausrichtung.
Für Institute, Regulierungsbehörden und Marktteilnehmer bleibt es daher entscheidend, diese Entwicklungen im Blick zu behalten und geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um sowohl Wettbewerbsfähigkeit als auch nachhaltige Governance-Strukturen sicherzustellen.


