
Herr Plöger, können wir das komplexe Thema Klimawandel überhaupt verstehen?
Sven Plöger: (Lacht) Der eine mehr, der andere weniger. Der aktuelle amerikanische Präsident kann dies wohl gar nicht – wobei hier möglicherweise „können“ und „wollen“ unterschieden werden muss. Aber jetzt ernsthaft: Die meisten Menschen haben längst verstanden, dass der Klimawandel stattfindet und maßgeblich von uns verursacht wird. Entweder, weil sie sehen und spüren, wie sich unser Wettergeschehen in den letzten Jahren immer schneller verändert oder weil sie das Thema mit physikalischem Wissen durchdringen beziehungsweise zuhören, wenn die Zusammenhänge von kompetenter Seite erklärt werden.
Entscheidend für das grundsätzliche Verständnis ist es, Wetter und Klima auseinanderzuhalten. Wetter ist das tägliche, mit unseren Sinnesorganen spürbare Geschehen in der Atmosphäre, Klima hingegen die Statistik des Wetters. Man muss dafür mindestens 30 Jahre anschauen, um genug Daten zu haben. So kann man langfristige Veränderungen erkennen. Und ebenso entscheidend ist es, zu begreifen, dass das Klima wegen zahlreicher Einflüsse innerhalb und außerhalb des Erdsystems noch nie konstant war.
Die meisten Menschen haben längst verstanden, dass der Klimawandel stattfindet und maßgeblich von uns verursacht wird."Sven PlögerDiplom-Meteorologe, Buchautor und TV-Moderator
Aber weil die menschliche Gesellschaft durch ihr Verhalten – maßgeblich durch die Energieerzeugung – jedem Quadratmeter Erdoberfläche 3,3 Watt hinzufügt, was in Summe knapp 1,7 Billiarden Watt entspricht, ändert sich das Klima derzeit schneller als es durch natürliche Prozesse allein möglich wäre. Dies schlicht deshalb, weil in der Natur solche Energiezuwächse nicht vorhanden sind.
Der Klimawandel ist dennoch für viele reine Ansichtssache. Was würden denn Außerirdische über uns denken?
Sven Plöger: Ich glaube, Außerirdische wären schlicht verblüfft. Sie würden im ersten Schritt eine sehr entwickelte, wohlständige Gesellschaft vorfinden und möglicherweise beeindruckt sein. Dann aber würden sie bemerken, dass wir in langsamen, kleinen, übrigens nicht böswilligen Schritten dabei sind, unsere lebensermöglichende Umwelt zu zerstören – und das auch noch wissen! Vereinfacht gesagt, würden sie in uns eine „kognitiv dissonante“ Gesellschaft vorfinden. Eine Gesellschaft, die Probleme erkennt, benennt, sich Handlungsschritte überlegt und dann nicht oder zumindest nicht ausreichend handelt.
Und noch eine Bemerkung zum Gedanken, der Klimawandel wäre für viele reine Ansichtssache. Gottseidank ist den meisten klar, wo wir stehen, aber die, die es nicht wahrhaben wollen oder deren monetärem Interesse die Beschäftigung mit dem Klimathema widerspricht, sind sehr laut und werden damit überproportional gehört. Aber physikalische Prozesse – das ist es, was „da draußen“ geschieht – muss man verstehen. Eine Meinung ist vergleichsweise sinnlos. Bilden sie sich mal eine Meinung zur Schwerkraft und lehnen diese ab. Ab da haben Sie ein schwieriges und gefährliches Leben, und die Schwerkraft ist immer noch da!
Welche Risiken drohen, wenn wir wie bisher weitermachen?
Sven Plöger: Das Klimasystem entfernt sich dann immer weiter von den Bedingungen, die uns auf diesem Planeten ein ersprießliches Leben ermöglichen. Unwettergefahren werden durch nichtlineare Zusammenhänge massiv zunehmen. Beispielsweise kann wärmere Luft nicht nur mehr, sondern viel viel viel mehr Wasserdampf aufnehmen als kältere. Die Folge können immer heftigere Starkregenereignisse sein, die Ahrflut war ein Vorgeschmack. Gleichermaßen nehmen Dürre und Hitze zu, Lebensraumverlust und auch der Verlust landwirtschaftlicher Fläche wäre die Folge.
Bei fortgesetzter Ignoranz unsererseits wäre immer größeres menschliches Leid die Folge, gepaart mit immer höheren Kosten. Irgendwann würden die Klimaschäden dann selbst für alle Volkswirtschaften dieser Welt zusammen nicht mehr bezahlbar sein. Kurz und ein wenig ruppig formuliert: Entweder lösen wir das Problem oder das Problem löst uns! Aber genau so will ich nicht kommunizieren. Ich will weg von Dystopie und Apokalypse, hin zu unseren Stellschrauben, den Chancen und Möglichkeiten.
Wird sich die Transformation also hoffentlich durchsetzen?
Sven Plöger: Derzeit zeigen wir nicht, dass wir das wirklich wollen. Und die vielen Krisen dieser Welt, die uns verunsichern und Ängste auslösen, motivieren auch nicht gerade, mit Verve aktiv zu werden. Das ist ein psychologisches Problem: Wer Angst hat, klammert sich an Altem fest und prompt hält man den schleichenden Prozess Klimawandel für weniger wichtig. Ob wir aber ein Interesse an unserer eigenen Zukunft haben oder nicht, ist der Natur herzlich egal – deswegen wäre es schlau, bei der Transformation unserer Welt in Richtung Enkelfähigkeit voranzukommen.
Worauf kommt es jetzt an?
Sven Plöger: Wer sich eine positive Zukunft für sich selbst und die eigenen Nachkommen wünscht, sollte nach vorne und nicht nach hinten schauen. Die so schön gemütlich und sorgenfrei anmutenden Achtziger kommen auch dann nicht wieder, wenn man der Realität wütend und mit dem Fuss aufstampfend entgegentritt oder Physik mit Phantasie verwechselt und sich damit die Welt schönredet. All das ist massive Zeitverschwendung auf Kosten junger Menschen.
Ich wünsche mir weniger – auch politische – Rückwärtsgewandtheit, denn sie wird die so wichtige Wirtschaft nicht ankurbeln, sondern allenfalls einige wenige kurzfristig bereichern und diejenigen, die die Zeichen der Zeit erkannt haben, immer schneller an uns vorbeiziehen lassen.
Was wir vielmehr brauchen, ist Mut nach vorne zu gehen und Lust auf Veränderung. Kurz: Wir brauchen eine positive Kommunikation, die unsere Chancen zeigt und die Begeisterung für den Wandel auslöst: Wir wollen, wir können und wir werden davon profitieren!
Was wir vielmehr brauchen, ist Mut nach vorne zu gehen und Lust auf Veränderung. Kurz: Wir brauchen eine positive Kommunikation, die unsere Chancen zeigt und die Begeisterung für den Wandel auslöst."Sven PlögerDiplom-Meteorologe, Buchautor und TV-Moderator

