
Leicht positive Marktsignale
Deutschland verzeichnete 2025 eine hohe Aktivität im M&A-Bereich, während IPOs deutlich seltener waren. Dennoch bleiben IPOs für Unternehmen eine wichtige Option, um sich Kapital zu beschaffen und ihre Marktstrategien erfolgreich umzusetzen. Weil sich das Umfeld für IPOs aktuell zu verbessern scheint und jüngste prominente Börsengänge eine gewisse Zugkraft entfalten können, hellt sich auch in Deutschland die Stimmung für weitere IPOs etwas auf. Ob Unternehmen wieder vermehrt auf IPOs setzen, hängt jedoch auch von der weiteren US-Zollpolitik und den Zins- und Inflationserwartungen ab.
Haftungsrisiken bei einem IPO
Ein Börsengang ist nicht nur ein finanzielles Großprojekt, sondern auch ein rechtlich sensibles Unterfangen. Enthält der Prospekt unvollständige oder fehlerhafte Angaben oder unklare Prognosen, können nach dem IPO erhebliche Haftungsrisiken entstehen – insbesondere dann, wenn sich die Kursentwicklung negativ darstellt. Dies kann zu zivilrechtlichen Prospekthaftungsansprüchen und schweren Reputationsschäden führen.
In Deutschland sind entsprechende Vorschriften im Wertpapierprospektgesetz (WpPG) verankert. International, vor allem bei US-Listings, ist das Risiko einer Inanspruchnahme deutlich höher, vor allem mit Blick auf die Governance-Verantwortung der Organmitglieder und die Prospektangaben. Entscheidend ist, dass alle Risikofelder möglichst früh erkannt, die relevanten Akteure darüber informiert und Maßnahmen zur Risikoabwehr getroffen werden.
Die POSI als Standardabsicherung
Als zentraler Baustein der Risikoabwehr hat sich in Deutschland die Public Offering of Securities Insurance (POSI) bzw. Prospekthaftungsversicherung etabliert. Sie deckt zivilrechtliche Haftungsansprüche ab, die sich aus fehlerhaften oder unvollständigen Prospektangaben ergeben. Versichert sind typischerweise Emittenten, Organmitglieder, Konsortialbanken und Altaktionäre; weitere Stakeholder können mit abgesichert werden. Die Laufzeit einer POSI orientiert sich mit zwölf Jahren an den üblichen Verjährungsfristen für Prospekthaftungsansprüche in Deutschland. Pflichtverletzungen sind bis zum Tag des Börsengangs umfassend abgesichert.
Die Rolle des Spezialmaklers und das richtige Timing
Weil jeder Versicherer ein eigenes POSI-Wording nutzt, ist die Einbindung eines spezialisierten Maklers entscheidend: Mit Blick auf die führende Marktpraxis entwickelt er passgenaue Konzepte mit einer ausreichenden Deckung und harmonisiert die jeweiligen Ansätze der Versicherer aus Kundensicht. In der Praxis empfiehlt es sich dabei, den Versicherungsprozess mit der Prospektarbeit zu starten. So bleibt zum Beispiel genügend Zeit für das Stakeholder-Mapping, um den Anforderungen aller relevanten Interessensgruppen gerecht werden zu können, eine entsprechende Strukturierung der POSI und die Abstimmung mit den Rechtsberatern.
Besonderheiten bei US-Listings
Wenn deutsche Unternehmen in den US-Markt gehen, ändert sich die Lage: Die Absicherung erfolgt dann in der Regel über D&O-Policen und ist mit höheren Prämien, größeren Selbstbehalten und Einschränkungen verbunden, etwa mit Blick auf Nachmeldefristen oder die Kontinuitätsgarantieklausel. POSI-Lösungen für deutsche Emittenten mit US-Listing sind zwar vereinzelt wieder verfügbar, doch meist mit niedrigeren Limiten und höheren Kosten als bei einem IPO in Deutschland. Deshalb müssen internationale Listing-Pläne frühzeitig aus der Risiko- und Finanz- sowie Versicherungsperspektive betrachtet werden.
Praktische Empfehlungen
Für einen erfolgreichen Börsengang sollten Unternehmen vor allem auf Folgendes achten: eine frühzeitige Risikoidentifikation, transparente Governance-Strukturen und die parallele Abstimmung von Rechts-, Finanz- und Versicherungsfragen. Unter dem Strich bleibt die POSI eine wichtige Voraussetzung, um potenziellen Prospekthaftungsansprüchen wirkungsvoll zu begegnen. Einheitliche europäische Regelungen zur Prospekthaftung würden die Attraktivität des Börsenplatzes Deutschland stärken und Rechtssicherheit schaffen. Der neue „11-Pager“ für Kapitalerhöhungen vereinfacht zwar unter bestimmten Bedingungen die Kapitalaufnahme, birgt jedoch weiterhin markante Haftungsrisiken. Also heißt es auch hier: Augen auf.
Der ideale Börsengang ist gut vorbereitet, transparent und getragen von einer starken Risikokultur. Er lebt von der engen Zusammenarbeit aller Beteiligten – Rechtsberatern, Kapitalmarkt-Experten, Versicherern und Unternehmen. Wer frühzeitig alle wesentlichen Perspektiven miteinander verbindet, sorgt für eine wirkungsvolle Risikoabsicherung und trägt zu einem reibungslosen Börsenstart bei.

