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Artikel | Risk Perspectives

Versicherer müssen bei ESG klare Signale senden

Die deutsche Wirtschaft darf nicht an Nachhaltigkeitsprojekten scheitern

14. September 2023

Monika Behrens, Head of Client Management D-A-CH, WTW, im Dialog mit Regine Richter, urgewald e.V. zu Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (ESG).
ESG and Sustainability|Climate
ESG In Sight

Unternehmen in Deutschland müssen nachhaltiger werden – aber wie? Auf der Suche nach Lösungen stehen sie häufig in Konflikt mit einer Instanz, die eigentlich zu den wichtigen Innovationstreibern gehören sollte: den Versicherern. Diese lassen Unternehmen jedoch häufig mit ihren Risiken allein, findet Monika Behrens, Head of Client Management DACH, Corporate Risk & Broking bei WTW.

Gemeinsam mit Regine Richter von der Umwelt- und Menschenrechtsorganisation urgewald e.V. diskutiert Behrens über Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (ESG). Richter ist Umweltaktivistin unter anderem mit Fokus auf multilaterale und öffentliche Banken in Europa und ihrer Finanzierung von Energieprojekten sowie staatliche und private Versicherungen. Seit 2001 unterstützt sie urgewald vor allem mit Kampagnenstrategien, Texten und der Teilnahme an politischen Diskussionen.

Behrens (WTW): Wie können Klimaziele ehrgeizig verfolgt und gleichzeitig der Wirtschaftsstandort Deutschland attraktiv gehalten werden?

Richter (urgewald e.V.): Indem wir beides kombinieren. Klimaziele zu verfolgen hat eine wichtige Bedeutung für Deutschland als Wirtschaftsstandort. Besonders die Finanzindustrie ist jetzt zum Handeln aufgefordert: Der Druck von Investoren ist ein enormer Motor, um Dinge in Bewegung zu setzen. Investoren können zum Unternehmen sagen: Euer Geschäftsmodell passt nicht mehr zu unseren Zielen und Erwartungen, also investieren wir auch nicht. Das sehen wir zum Beispiel bei der (Braun)kohle: Zwar kann der Kohleabbau noch eine Weile betrieben werden, aber irgendwann muss der Wandel kommen. Je früher sich die Industrie darauf vorbereitet, desto besser.

Behrens (WTW): Bleiben wir bei der Kohleindustrie: Wenn sie per Gesetz gezwungen ist, weiter zu produzieren, sollten Versicherer dann nicht auch weiterhin Versicherungsschutz leisten? Sodass die Kohle-Unternehmen auch noch das Kapital haben, in alternative Energien einzusteigen?

Richter (urgewald e.V.): Ich verstehe das Problem mit dem Versicherungsschutz. Aber Versicherer müssen klare Signale an den Markt senden, dass oder ab wann bestimmte Risiken nicht mehr gezeichnet werden, damit sich auch wirklich etwas verändert. Bei den Kraftwerken wird diskutiert, dass alte wieder ans Netz genommen werden sollen. Statt dafür Geld zu investieren, sollte es meiner Meinung nach für bessere Lösungen genutzt werden, zum Beispiel Fortschritte in Isolierung, mehr Energieeffizienz etc. Ich weiß, dass es da noch viele Baustellen gibt, aber da würde ich mir mehr innovatives Denken wünschen.

Versicherer schließen einerseits Risiken aus, fordern andererseits aber Innovationen in neue Energien, die sie nicht oder noch nicht unterstützen wollen. ”

Monika Behrens | Head of Client Management D-A-CH, Corporate Risk & Broking

Behrens (WTW): Versicherer schließen einerseits Risiken aus, fordern andererseits aber Innovationen in neue Energien, die sie nicht oder noch nicht unterstützen wollen. Als Versicherungsmakler beobachtet WTW häufig, dass Unternehmen Risiken allein tragen müssen, wenn sie neue Technologien entwickeln, weil Versicherer das Risiko scheuen. Ähnlich ist es beim Thema Kreislaufwirtschaft: Versicherer sind insbesondere im Recycling-Bereich sehr zurückhaltend, weil es zu viele Schadenfälle gibt. Es werden weniger Investitionen in neue Technologien oder die Kreislaufwirtschaft fließen, wenn diese nicht abgesichert werden können. Hier müssen gemeinsame Anstrengungen in die Verbesserung der Risiken getätigt werden. Es ist hinlänglich bewiesen, wie wichtig das Versichern von Risiken für die Resilienz und Prosperität einer Gesellschaft ist.

Richter (urgewald e.V.): Das sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe: Einmal, in welche möglicherweise besonders risikobehafteten Bereiche gehe ich als Financier hinein? Die Finanzindustrie wird oft beschuldigt, zu risikoavers zu sein und so den Fortschritt zu blockieren. Zuerst mag eine solche Finanzierung eine Aufgabe für öffentliche Banken wie die Europäische Investitionsbank oder die KfW sein.

Die Zeichnung von neuen Risiken ist aber unabhängig von den klaren und sehr wichtigen Absagen, bestimmte Ausgangslagen nicht mehr zu finanzieren.

Behrens (WTW): Diese Absagen unterliegen allerdings keinem industrieweiten Standard, was Unternehmen vor echte Herausforderungen stellt. Jeder Versicherer stellt dem Risikomanager andere Fragen und hat andere Ausschlusskriterien. Viele Versicherer haben noch nicht genau definiert, was sie jetzt eigentlich noch zeichnen und was nicht. Ihr Fokus liegt aber meiner Meinung nach oft zu sehr darauf, bloß die Regulatorik zu erfüllen. Damit verpassen sie die Chance, wirklich zu unterstützen und gleichzeitig wieder systemrelevanter zu werden.

Richter (urgewald e.V.): In den nächsten Jahren wird hier noch viel passieren, auch in der Berichtspflicht. Zu definieren, wohin ein Unternehmen eigentlich will und wie die Transformation aussehen soll, kostet Zeit und Aufwand. Dies bietet aber auch die große Chance, Daten zu sammeln und beispielsweise zu identifizieren, wo Einsparungen durchgesetzt werden können.

Behrens (WTW): Viele Arbeitsplätze werden verlagert, weil die Anforderungen in Deutschland zu radikal sind. Sollten wir daher nicht Umwelt und Soziales parallel laufen lassen? Sprich, Deutschland als Wirtschaftsstandort mit Arbeitsplätzen weiterhin attraktiv halten und trotzdem gemäßigtere Forderungen stellen?

Klar ist: wir haben nicht mehr viel Zeit: Es kommt jetzt auf die nächsten zehn Jahre an. Wir brauchen solch radikale Forderungen. ”

Regine Richter | urgewald e.V.

Richter (urgewald e.V.): Aus meiner Sicht führen klare Vorgaben zur Innovation. Die Abschaffung der Glühbirne war auch nicht möglich, bis sie tatsächlich abgeschafft wurde. Klar ist: wir haben nicht mehr viel Zeit: Es kommt jetzt auf die nächsten zehn Jahre an. Wir brauchen solch radikale Forderungen. Das führt zwar auch zu Brüchen, aber durch die kommenden Alternativen entstehen wieder neue Arbeitsplätze. Und dass Arbeitsplätze ins Ausland verlagert werden, liegt eher an der internationalen Konkurrenz als daran, dass Verbote ausgesprochen wurden.

Behrens (WTW): Und wenn wir Umwelt gegen Soziales aufwiegen müssten?

Richter (urgewald e.V.): Arbeitsplätze gegen den Klimaschutz auszuspielen, greift zu kurz. Wir müssen handeln: Dürren und Überschwemmungen produzieren auch Pleiten. Wenn zu wenig in die Umwelt investiert wird, haben wir sowieso früher oder später Probleme mit Arbeitsplätzen. Und je später wir anfangen, umso teurer wird es.

Behrens (WTW): Welche Rolle spielen Klimaklagen?

Richter (urgewald e.V.): Klimaklagen sind nur einer von vielen wichtigen Bausteinen auf verschiedenen Baustellen der Umweltbewegung. Potenzielle Klagen können für Unternehmen die Aufforderung sein zu prüfen, ob sie öffentliche Versprechen wirklich ernst meinen, oder diese nur aus PR-Gründen gemacht werden und im zweiten Fall keine leeren Versprechen zu tätigen

Aber man muss auch sehen, dass sowohl auf der „Pro-ESG-“ als auch der „Contra-ESG-Seite“ viel Geld fließt und hart gekämpft, auch mit strategischer Klageführung, etwa mit SLAPP (Strategic Litigation Against Public Participation) Klagen von Ölfirmen gegen Umweltorganisationen.

Behrens (WTW): Wie schätzen Sie das Vorgehen der Net-Zero Insurance Alliance ein? Was sagen Sie zu den Austritten, die stattgefunden haben?

Richter (urgewald e.V.): Mir persönlich geht es bei Klimaanstrengungen nicht schnell genug – aber ich sehe die Notwendigkeit, andere Länder einzubeziehen, wie es zum Beispiel in Amerika oder Afrika versucht wird. Austritte, wie sie zuletzt erfolgt sind, bedeuten eine Schwächung der Allianz. Fatal ist, wenn die Allianz dann damit reagiert, dass sie ihre Anforderungen senkt, damit verliert sie Glaubwürdigkeit.

Behrens (WTW): Danke für das interessante Gespräch!

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